Artgerechte Eselhaltung

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Bild: SIGEF Archiv

 

Bild: Erna Schmid

 

 

Grundgedanken

Jedes Lebewesen hat sich im Laufe seiner Stammesgeschichte, das heisst seiner Evolution, optimal an seinen Lebensraum angepasst. Dies nicht nur im Körperbau, sondern auch in seinem arttypischen Verhalten. Erst durch diese Anpassung, welche sich über Millionen von Jahren entwickelt hat, ist es möglich, dass ein Lebewesen oder eine Art in einer bestimmten Umwelt leben kann. Es ist bekannt, dass sich das Verhalten unserer Haustiere trotz der Domestikation kaum vom Verhalten ihrer wildlebenden Vorfahren unterscheidet. Somit entsprechen auch die Bedürfnisse unserer Hausesel weitgehend denjenigen der Wildesel. Selbstverständlich können wir unseren Eseln keine kilometerweiten Steppenregionen zur freien Nutzung zur Verfügung stellen, aber sie sollten schon die Möglichkeit haben, in ihrer Haltungsanlage möglichst das zu tun, womit sie auch in der freien Wildbahn den Tag verbracht hätten. Dabei lassen sich die Grundanforderungen des Wüstenrandtieres »Esel" im wesentlichen so zusammenfassen:

 

  • Täglich viele Stunden freie Bewegung

  • Mehrmals täglich gutes Rauhfutter und frisches Wasser

  • Licht und frische Luft

  • Immer Kontakt zu anderen Eseln

Auch wenn es durch Zucht gelungen ist, einzelne Merkmale zu fördern, beispielsweise die Körpergrösse oder die Zähmbarkeit, haben sich die Grundbedürfnisse der Tiere nicht geändert. Deshalb müssen wir die Haltungssysteme den Bedürfnissen der Tiere anpassen. Nicht nur bei den landwirtschaftlichen Nutztieren oder den kleinen Heimtieren, auch in der Eselhaltung wird dieser Grundsatz oft nicht beachtet und damit die Anpassungsfähigkeit der Esel überfordert. Dies hat eine Vielzahl von körperlichen und psychischen Schäden zur Folge, so zum Beispiel gestörtes Verhalten im Umgang mit Artgenossen, Beissen, Schlagen, Apathie, gesteigerte Nervosität etc.

nach oben „Lauftier" Esel

Der Esel ist, wie auch die meisten anderen Weidetiere, ein Lauftier. In Freiheit befindet er sich in stetiger Bewegung, wobei der Schwerpunkt auf langsamem Herumwandern bei der Futteraufnahme liegt. Der wildlebende Esel ist oft mehr als sechzehn Stunden täglich damit beschäftigt, Futter zu suchen, dabei legt er bis zu siebzehn Kilometer zurück. Rasche Aktionen wie Rangordnungskämpfe oder Flucht vor tatsächlichen oder vermeintlichen Feinden sind bei erwachsenen Eseln selten. Junge Tiere zeigen dagegen einen ausgeprägten Spieltrieb, sie rennen, balgen und toben viel miteinander. Junge Esel brauchen mehr Platz als Erwachsene. Bei ihnen muss neben dem natürlichen Bewegungsdrang auch der Spieltrieb eingerechnet werden. Damit der Bewegungsbedarf ausreichend gedeckt wird, ist deshalb ein befestigter Auslauf, welcher Sommer und Winter bei jedem Wetter benutzbar ist, Voraussetzung für eine artgerechte Haltung. Jeder Esel sollte jederzeit die Möglichkeit haben, sich ausserhalb des Stalles frei zu bewegen. So kann er mit anderen Eseln auf natürliche Art kommunizieren, mit ihnen herumtollen, Heu knabbern oder ganz einfach im Sozialverband herumstehen und die Sonne, den Wind und den Regen auf der Haut spüren. Bei unseren klimatischen Bedingungen, unseren Bodenstrukturen und Platzverhältnissen können die Weiden nur in den Sommermonaten und bei trockener Witterung genutzt werden, ohne dass innert Kürze ein tiefer Morast entsteht. im Winter gefriert dann der Boden einer solchen Wiese zu einer höckrigen Hügellandschaft, welche für die Esel kaum begehbar ist. Es ist deshalb unabdingbar, dass der Aliwetterplatz einen besonderen Bodenaufbau aufweist.

Besonderheiten bei der Fütterung

Zwischen Pflanzen- und Fleischfressern bestehen wesentliche Unterschiede bezüglich ihres Gebisses und ihrer Verdauungsorgane. Auch der zeitliche Ablauf der Nahrungsaufnahme ist völlig verschieden: Fleischfresser benötigen in der Regel ein- bis zweimal pro Tag eine kleine Menge einer hochkonzentrierten Nahrung, welche sie in wenigen Minuten verschlingen. Im Unterschied zu den Fleischfressern besitzen die Pflanzenfresser ein Verdauungssystem, welches in der Lage ist, aus Rauhfutter für den Körper verwertbare Betriebs- und Aufbaustoffe herzustellen und diese aufzunehmen. Damit dieses System funktionieren kann, muss kontinuierlich Nachschub in geeigneter Form geliefert werden. Esel haben deshalb das Bedürfnis, über den ganzen Tag verteilt immer wieder kleinere Portionen Rauhfutter aufzunehmen. Freilebende Esel verbringen viele Stunden am Tag mit der Futteraufnahme. Als Weidetiere haben Esel einen sehr kleinen Magen. Um eine Magenüberdrehung zu verhindern, muss das Futter in kleinen Mengen, mindestens dreimal täglich, verabreicht werden.
Esel sind extrem gute Futterverwerter. Es ist deshalb besonders darauf zu achten, dass sie nicht überfüttert werden. Die Futterration besteht in erster Linie aus Heu und Stroh, zur Abwechslung und zur Belohnung können auch wenig Aepfel und Rüebli gereicht werden. Kraftfutter wie Hafer oder Getreide sowie Mischfutter und Graswürfel sind für Esel, welche ja in der Regel in unseren Breitengraden nicht für regelmässige Arbeiten eingesetzt werden, nicht notwendig und sogar schädlich! Die Tiere werden rasch zu dick und können an der sehr schmerzhaften und oft unheilbaren Hufrehe erkranken. Auch mit der Verfütterung von hartem Brot ist äusserst zurückhaltend umzugehen! Brot ist dem Kraftfutter gleichzusetzen und darf keinesfalls in grösseren Mengen gegeben werden. Esel geniessen es, wenn sie auf die Weide gelassen werden und Gras fressen dürfen. Doch auch hier ist Vorsicht geboten: junges Frühlingsgrad oder Gras in grösseren Mengen kann die gleichen Folgen haben wie Kraftfutter. Deshalb muss der tägliche Weidegang je nach Futterangebot zeitlich limitiert werden.
Da unsere Hausesel vom Afrikanischen Wildesel abstammen, gilt zudem die Besonderheit, dass den Eseln über das ganze Jahr trockenes und grob strukturiertes Rauhfutter dargereicht werden muss (Heu von relativ spät geschnittenen Magerwiesen und Stroh).Belüftetes Heu, Emd und Schnittgras vom Rasen mähen sind für Esel nicht geeignet.
Um während den Wintermonaten eine ausreichende Versorgung mit Mineralstoffen zu gewährleisten, sollte ein eiweissarmes Kräuter-Mischfutter zusätzlich zu Heu und Stroh verabreicht werden.
Esel sollten möglichst Zugang zu sauberem, frischem Wasser haben. Kann ihnen nicht dauernd Wasser zur Verfügung gestellt werden, müssen sie mindestens dreimal täglich getränkt werden. Selbsttränken müssen täglich bezüglich Verschmutzungen und Funktionstüchtigkeit überprüft werden. Bei tiefen Temperaturen im Winter müssen die Esel von Hand getränkt werden, ausser wenn die Rohre beheizt werden, damit das Wasser nicht einfrieren kann.
Ein Salz- oder Mineralleckstein sollte den Tieren dauernd zur freien Verfügung stehen.

nach oben Licht, Luft- und Wetterschutz?

Esel sind keine Höhlenbewohner wie beispielsweise wir Menschen. Als solcher hätte er auch gar nicht überlebt, sondern wäre zur leichten Beute der klassischen Höhlenbewohner wie zum Beispiel dem Urmensch geworden. Ihr Lebensraum liegt unter freiem Himmel. Von Natur aus würden Esel die warmen, stickigen Ställe, in die sie oft gesperrt werden, instinktiv umgehen. Für ihr Wohlbefinden brauchen sie stattdessen Sonne, Licht und jahreszeitlich wechselnde Aussenklimareize, um den Stoffwechsel und das Abwehrsystem gesund zu erhalten. Nichtsdestotrotz stellen sich Esel in unserem nass-kalten Klima bei Regen gerne unter oder fliehen vor Sommerhitze und Fliegen in den kühlen Stall. Deshalb müssen die Tiere permanent Zugang zum Stall haben. Wenn dies nicht möglich ist, muss ihnen auf der Weide ein natürlicher oder künstlicher Unterstand mit befestigtem Boden angeboten werden, welcher ihnen Schutz vor extremer Witterung bietet. Im Sommer ist es ev. von Vorteil, die Esel nachts auf die Weide zu lassen. Tagsüber sollten sie sich an einem schattigen Platz aufhalten können, an welchem sie auch vor stechenden Insekten geschützt sind.

Gesellschaft und Unterhaltung

Der Esel ist ein Gesellschaftstier mit ausgeprägter Herdenmentalität. Das Grundbedürfnis nach dem Schutz der Herde steckt auch heute noch in den Köpfen unserer Esel. Ein einzeln gehaltener Esel fühlt sich nie völlig sicher, selbst wenn er dem Beobachter recht zufrieden scheint. Voraussetzung für das Leben in einer Gruppe ist die Fähigkeit, sich untereinander zu verständigen Die Sprache der Esel umfasst viele verschiedene Signale wie Lautäusserungen, Gerüche und körperliche Ausdrucksweisen, welche fortwährend zwischen den Mitgliedern einer Herde ausgetauscht werden. Es gehört zum Lebensinhalt eines Esels, mit Artgenossen auf all diesen verschiedenen Ebenen zu kommunizieren. Ein Esel definiert sich in erster Linie als Mitglied seiner Herde. Einzelhaltung ist etwas vom Schlimmsten, was man ihm antun kann. Keine noch so schöne Anlage kann als artgerecht gelten, wenn der Esel darin allein ist. Artfremde Weidegenossen als Gesellschafter können die Einsamkeit mildern - mitunter schliessen Esel sich sehr eng an „ihre Ziege" oder „ihr Schaf' an - aber ein vollkommener Ersatz sind sie nicht. Ein Esel möchte neben seinem Partner fressen, ruhen, gelegentlich auch mal mit ihm raufen, soziale Fellpflege betreiben oder den Kopf auf seine Kuppe legen. Das kann man dem Esel als Mensch nicht bieten, auch wenn man ihn noch so sehr liebt! Der Mensch als Sozialpartner und Herdenersatz fällt also aus!
Neben der Schutzfunktion hat Gesellschaft für den Esel auch noch eine „Unterhaltungsfunktion", die gerade für unsere domestizierten Esel im relativ kleinen Auslauf wichtig ist. Esel verfügen über eine unstillbare Neugierde und sind an ihrer Umwelt interessiert, wollen möglichst viel sehen, riechen und hören. Hält man sie in einer reizarmen Haltungsanlage schlimmstenfalls in der geschlossenen Box oder angebunden in einem Stall, so führt ihre Langeweile schnell zu Verhaltensstörungen. Das Vorhandensein eines oder mehrerer „Gesellschaftsesel" bietet dagegen Beschäftigungsmöglichkeiten. Die Tiere können soziale Fellpflege betreiben, miteinander raufen und sich gegenseitig Laufanreiz bieten. Darüber hinaus sollten Eselhalter alles daran setzen, den Alltag der Esel interessanter zu gestalten - so legt man den Auslauf z.B. mit Blick auf einen Hof oder eine Strasse an. Warum nicht einmal die Langohren bei einem Spaziergang rund ums Dorf mitnehmen oder sogar zu einer Tageswanderung. Oder besuchen Sie einen Bodenarbeitkurs und setzen zu Hause das Gelernte in die Praxis um. Äste als Knabberzeug zwischendurch sind gesund und vertreiben die Langeweile.

Quelle: Christiana Sommer in Esel Poscht 2/2000

nach oben Trockenplätze 

Nun, ein befestigter Platz (Trockenplatz) ist eine Fläche, die zum Beispiel aus Beton, Teer, Verbundsteinen, Strassenkies, Kunststoffplatten, etc. besteht. Er soll unseren Tieren die Möglichkeit bieten, selbst bei Nässe trocken zu stehen. Und natürlich eine dementsprechende Grösse aufweisen, nämlich für zwei kleine bis mittelgrosse Esel im Minimum 50 m2. Solche Trockenplätze kann man schon mit relativ einfachen Mitteln und natürlich im 'do it yourself-Verfahren anlege: Da wären zum einen die leichtgewichtigen Kunststoffplatten aus PET- Recycling, die man (Frau) ohne grössere Erdarbeiten verlegen kann.

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