|


|
Grundgedanken
Jedes Lebewesen hat sich im Laufe seiner Stammesgeschichte, das heisst
seiner Evolution, optimal an seinen Lebensraum angepasst. Dies nicht nur
im Körperbau, sondern auch in seinem arttypischen Verhalten. Erst durch
diese Anpassung, welche sich über Millionen von Jahren entwickelt hat,
ist es möglich, dass ein Lebewesen oder eine Art in einer bestimmten Umwelt
leben kann. Es ist bekannt, dass sich das Verhalten unserer Haustiere
trotz der Domestikation kaum vom Verhalten ihrer wildlebenden Vorfahren
unterscheidet. Somit entsprechen auch die Bedürfnisse unserer Hausesel
weitgehend denjenigen der Wildesel. Selbstverständlich können wir unseren
Eseln keine kilometerweiten Steppenregionen zur freien Nutzung zur Verfügung
stellen, aber sie sollten schon die Möglichkeit haben, in ihrer Haltungsanlage
möglichst das zu tun, womit sie auch in der freien Wildbahn den Tag verbracht
hätten. Dabei lassen sich die Grundanforderungen des Wüstenrandtieres
»Esel" im wesentlichen so zusammenfassen:
-
Täglich viele Stunden freie Bewegung
-
Mehrmals täglich gutes Rauhfutter und frisches Wasser
-
Licht und frische Luft
-
Immer Kontakt zu anderen Eseln
Auch wenn es durch Zucht gelungen ist, einzelne Merkmale
zu fördern, beispielsweise die Körpergrösse oder die Zähmbarkeit, haben
sich die Grundbedürfnisse der Tiere nicht geändert. Deshalb müssen wir
die Haltungssysteme den Bedürfnissen der Tiere anpassen. Nicht nur bei
den landwirtschaftlichen Nutztieren oder den kleinen Heimtieren, auch
in der Eselhaltung wird dieser Grundsatz oft nicht beachtet und damit
die Anpassungsfähigkeit der Esel überfordert. Dies hat eine Vielzahl von
körperlichen und psychischen Schäden zur Folge, so zum Beispiel gestörtes
Verhalten im Umgang mit Artgenossen, Beissen, Schlagen, Apathie, gesteigerte
Nervosität etc.
„Lauftier" Esel
Der Esel ist, wie auch die meisten anderen Weidetiere,
ein Lauftier. In Freiheit befindet er sich in stetiger Bewegung, wobei
der Schwerpunkt auf langsamem Herumwandern bei der Futteraufnahme liegt.
Der wildlebende Esel ist oft mehr als sechzehn Stunden täglich damit beschäftigt,
Futter zu suchen, dabei legt er bis zu siebzehn Kilometer zurück. Rasche
Aktionen wie Rangordnungskämpfe oder Flucht vor tatsächlichen oder vermeintlichen
Feinden sind bei erwachsenen Eseln selten. Junge Tiere zeigen dagegen
einen ausgeprägten Spieltrieb, sie rennen, balgen und toben viel miteinander.
Junge Esel brauchen mehr Platz als Erwachsene. Bei ihnen muss neben dem
natürlichen Bewegungsdrang auch der Spieltrieb eingerechnet werden. Damit
der Bewegungsbedarf ausreichend gedeckt wird, ist deshalb ein befestigter
Auslauf, welcher Sommer und Winter bei jedem Wetter benutzbar ist, Voraussetzung
für eine artgerechte Haltung. Jeder Esel sollte jederzeit die Möglichkeit
haben, sich ausserhalb des Stalles frei zu bewegen. So kann er mit anderen
Eseln auf natürliche Art kommunizieren, mit ihnen herumtollen, Heu knabbern
oder ganz einfach im Sozialverband herumstehen und die Sonne, den Wind
und den Regen auf der Haut spüren. Bei unseren klimatischen Bedingungen,
unseren Bodenstrukturen und Platzverhältnissen können die Weiden nur in
den Sommermonaten und bei trockener Witterung genutzt werden, ohne dass
innert Kürze ein tiefer Morast entsteht. im Winter gefriert dann der Boden
einer solchen Wiese zu einer höckrigen Hügellandschaft, welche für die
Esel kaum begehbar ist. Es ist deshalb unabdingbar, dass der Aliwetterplatz
einen besonderen Bodenaufbau aufweist.
Besonderheiten bei der Fütterung
Zwischen Pflanzen- und Fleischfressern bestehen wesentliche
Unterschiede bezüglich ihres Gebisses und ihrer Verdauungsorgane. Auch
der zeitliche Ablauf der Nahrungsaufnahme ist völlig verschieden: Fleischfresser
benötigen in der Regel ein- bis zweimal pro Tag eine kleine Menge einer
hochkonzentrierten Nahrung, welche sie in wenigen Minuten verschlingen.
Im Unterschied zu den Fleischfressern besitzen die Pflanzenfresser ein
Verdauungssystem, welches in der Lage ist, aus Rauhfutter für den Körper
verwertbare Betriebs- und Aufbaustoffe herzustellen und diese aufzunehmen.
Damit dieses System funktionieren kann, muss kontinuierlich Nachschub
in geeigneter Form geliefert werden. Esel haben deshalb das Bedürfnis,
über den ganzen Tag verteilt immer wieder kleinere Portionen Rauhfutter
aufzunehmen. Freilebende Esel verbringen viele Stunden am Tag mit der
Futteraufnahme. Als Weidetiere haben Esel einen sehr kleinen Magen. Um
eine Magenüberdrehung zu verhindern, muss das Futter in kleinen Mengen,
mindestens dreimal täglich, verabreicht werden.
Esel sind extrem gute Futterverwerter. Es ist deshalb besonders darauf
zu achten, dass sie nicht überfüttert werden. Die Futterration besteht
in erster Linie aus Heu und Stroh, zur Abwechslung und zur Belohnung können
auch wenig Aepfel und Rüebli gereicht werden. Kraftfutter wie Hafer oder
Getreide sowie Mischfutter und Graswürfel sind für Esel, welche ja in
der Regel in unseren Breitengraden nicht für regelmässige Arbeiten eingesetzt
werden, nicht notwendig und sogar schädlich! Die Tiere werden rasch zu
dick und können an der sehr schmerzhaften und oft unheilbaren Hufrehe
erkranken. Auch mit der Verfütterung von hartem Brot ist äusserst zurückhaltend
umzugehen! Brot ist dem Kraftfutter gleichzusetzen und darf keinesfalls
in grösseren Mengen gegeben werden. Esel geniessen es, wenn sie auf die
Weide gelassen werden und Gras fressen dürfen. Doch auch hier ist Vorsicht
geboten: junges Frühlingsgrad oder Gras in grösseren Mengen kann die gleichen
Folgen haben wie Kraftfutter. Deshalb muss der tägliche Weidegang je nach
Futterangebot zeitlich limitiert werden.
Da unsere Hausesel vom Afrikanischen Wildesel abstammen, gilt zudem die
Besonderheit, dass den Eseln über das ganze Jahr trockenes und grob strukturiertes
Rauhfutter dargereicht werden muss (Heu von relativ spät geschnittenen
Magerwiesen und Stroh).Belüftetes Heu, Emd und Schnittgras vom Rasen mähen
sind für Esel nicht geeignet.
Um während den Wintermonaten eine ausreichende Versorgung mit Mineralstoffen
zu gewährleisten, sollte ein eiweissarmes Kräuter-Mischfutter zusätzlich
zu Heu und Stroh verabreicht werden.
Esel sollten möglichst Zugang zu sauberem, frischem Wasser haben. Kann
ihnen nicht dauernd Wasser zur Verfügung gestellt werden, müssen sie mindestens
dreimal täglich getränkt werden. Selbsttränken müssen täglich bezüglich
Verschmutzungen und Funktionstüchtigkeit überprüft werden. Bei tiefen
Temperaturen im Winter müssen die Esel von Hand getränkt werden, ausser
wenn die Rohre beheizt werden, damit das Wasser nicht einfrieren kann.
Ein Salz- oder Mineralleckstein sollte den Tieren dauernd zur freien Verfügung
stehen.
Licht, Luft- und Wetterschutz?
Esel sind keine Höhlenbewohner wie beispielsweise wir
Menschen. Als solcher hätte er auch gar nicht überlebt, sondern wäre zur
leichten Beute der klassischen Höhlenbewohner wie zum Beispiel dem Urmensch
geworden. Ihr Lebensraum liegt unter freiem Himmel. Von Natur aus würden
Esel die warmen, stickigen Ställe, in die sie oft gesperrt werden, instinktiv
umgehen. Für ihr Wohlbefinden brauchen sie stattdessen Sonne, Licht und
jahreszeitlich wechselnde Aussenklimareize, um den Stoffwechsel und das
Abwehrsystem gesund zu erhalten. Nichtsdestotrotz stellen sich Esel in
unserem nass-kalten Klima bei Regen gerne unter oder fliehen vor Sommerhitze
und Fliegen in den kühlen Stall. Deshalb müssen die Tiere permanent Zugang
zum Stall haben. Wenn dies nicht möglich ist, muss ihnen auf der Weide
ein natürlicher oder künstlicher Unterstand mit befestigtem Boden angeboten
werden, welcher ihnen Schutz vor extremer Witterung bietet. Im Sommer
ist es ev. von Vorteil, die Esel nachts auf die Weide zu lassen. Tagsüber
sollten sie sich an einem schattigen Platz aufhalten können, an welchem
sie auch vor stechenden Insekten geschützt sind.
Gesellschaft und Unterhaltung
Der Esel ist ein Gesellschaftstier mit ausgeprägter Herdenmentalität.
Das Grundbedürfnis nach dem Schutz der Herde steckt auch heute noch in
den Köpfen unserer Esel. Ein einzeln gehaltener Esel fühlt sich nie völlig
sicher, selbst wenn er dem Beobachter recht zufrieden scheint. Voraussetzung
für das Leben in einer Gruppe ist die Fähigkeit, sich untereinander zu
verständigen Die Sprache der Esel umfasst viele verschiedene Signale wie
Lautäusserungen, Gerüche und körperliche Ausdrucksweisen, welche fortwährend
zwischen den Mitgliedern einer Herde ausgetauscht werden. Es gehört zum
Lebensinhalt eines Esels, mit Artgenossen auf all diesen verschiedenen
Ebenen zu kommunizieren. Ein Esel definiert sich in erster Linie als Mitglied
seiner Herde. Einzelhaltung ist etwas vom Schlimmsten, was man ihm antun
kann. Keine noch so schöne Anlage kann als artgerecht gelten, wenn der
Esel darin allein ist. Artfremde Weidegenossen als Gesellschafter können
die Einsamkeit mildern - mitunter schliessen Esel sich sehr eng an „ihre
Ziege" oder „ihr Schaf' an - aber ein vollkommener Ersatz sind sie nicht.
Ein Esel möchte neben seinem Partner fressen, ruhen, gelegentlich auch
mal mit ihm raufen, soziale Fellpflege betreiben oder den Kopf auf seine
Kuppe legen. Das kann man dem Esel als Mensch nicht bieten, auch wenn
man ihn noch so sehr liebt! Der Mensch als Sozialpartner und Herdenersatz
fällt also aus!
Neben der Schutzfunktion hat Gesellschaft für den Esel auch noch eine
„Unterhaltungsfunktion", die gerade für unsere domestizierten Esel
im relativ kleinen Auslauf wichtig ist. Esel verfügen über eine unstillbare
Neugierde und sind an ihrer Umwelt interessiert, wollen möglichst viel
sehen, riechen und hören. Hält man sie in einer reizarmen Haltungsanlage
schlimmstenfalls in der geschlossenen Box oder angebunden in einem Stall,
so führt ihre Langeweile schnell zu Verhaltensstörungen. Das Vorhandensein
eines oder mehrerer „Gesellschaftsesel" bietet dagegen Beschäftigungsmöglichkeiten.
Die Tiere können soziale Fellpflege betreiben, miteinander raufen und
sich gegenseitig Laufanreiz bieten. Darüber hinaus sollten Eselhalter
alles daran setzen, den Alltag der Esel interessanter zu gestalten - so
legt man den Auslauf z.B. mit Blick auf einen Hof oder eine Strasse an.
Warum nicht einmal die Langohren bei einem Spaziergang rund ums Dorf mitnehmen
oder sogar zu einer Tageswanderung. Oder besuchen Sie einen Bodenarbeitkurs
und setzen zu Hause das Gelernte in die Praxis um. Äste als Knabberzeug
zwischendurch sind gesund und vertreiben die Langeweile.
Quelle: Christiana Sommer in Esel Poscht 2/2000
Trockenplätze
Nun, ein befestigter Platz (Trockenplatz) ist eine Fläche,
die zum Beispiel aus Beton, Teer, Verbundsteinen, Strassenkies, Kunststoffplatten,
etc. besteht. Er soll unseren Tieren die Möglichkeit bieten, selbst bei
Nässe trocken zu stehen. Und natürlich eine dementsprechende Grösse aufweisen,
nämlich für zwei kleine bis mittelgrosse Esel im Minimum 50 m2. Solche
Trockenplätze kann man schon mit relativ einfachen Mitteln und natürlich
im 'do it yourself-Verfahren anlege: Da wären zum einen die leichtgewichtigen
Kunststoffplatten aus PET- Recycling, die man (Frau) ohne grössere Erdarbeiten
verlegen kann.

|